Für uns ist das die beste Technik" - Dies war die Überschrift der Pressekonferenz von K+S zum Thema Müllverbrennung in Heringen in der letzten Woche.

Wer zuerst lügt hat Recht - in diesem sarkastischen Spruch steckt eine Menge Wahrheit. Ist erst mal eine Behauptung in die Welt gesetzt und wird diese mit Hilfe der Medien und mit Unterstützung einiger Behörden entsprechend verbreitet, wird es sehr schwer für das Gegenteil genügend Gehör zu finden. Ich will es trotzdem versuchen, denn es hängt zuviel davon ab. Nämlich Lebensqualität und Gesundheit von uns allen hier im Werratal, egal ob in Ost oder West.

Vor ein paar Tagen, als das unselige Vorhaben in Heringen eine Müllverbrennungsanlage zu bauen auch bei unseren Nachbarn in Wildeck immer mehr bekannt wurde, erhielt ich den Anruf eines Rentners aus Bosserode. Er rief mich an, weil er meinen Artikel „Tote Fische brauchen keine Fischtreppe - oder warum Kali & Salz zum Umdenken gebracht werden muß" gelesen hatte und er sehr bestürzt darüber war.

Er erfuhr erst aus diesem Artikel, den er ganz zufällig, Ende Juli, in die Hände bekam, von dem Vorhaben der Kali + Salz GmbH in Heringen eine Müllverbrennungsanlage zu bauen.

Als ich ihn fragte warum er so bestürzt darüber sei, sagte er mir: das habe ich schon einmal erlebt. Als 1935 in Heringen eine Fabrik zur Produktion einer Magnesium - Aluminium-Legierung gebaut wurde, dem so genannten „Magnewin", konnte man in Obersuhl nicht mehr bei offenem Fenster schlafen, weil es so sehr stank. Er sagte mir weiter, dass er inzwischen fünf Schlaganfälle hatte und wenn wir die Anlage nicht verhindern könnten, werde er nach Spanien gehen.

Die Arbeiter damals durften wegen der hohen Giftigkeit nur ganze zwei Stunden pro Tag an den offenen Schmelzöfen der Magnewinproduktion arbeiten.

Was ich damit auch sagen will, der Wind schert sich nicht um einen Betroffenheitsradius von 3,5 km, der „ zufällig" ziemlich genau an der Landesgrenze endet. Obersuhl ist mehr als 5 km entfernt. Und was ich weiter sagen will, man darf auch lange zurückliegende Vorbelastungen nicht außer Acht lassen, denn es leben viele ältere Menschen im Werratal.

Die Anlage entspricht dem neuesten Stand der Technik. Was ist von dieser Aussage zu halten?

Die MVA in Zella-Mehlis hat eine geplante Kapazität von 160.000 t Müll pro Jahr und wird 120 Mill. € kosten.

Die MVA-Heringen ist für 270.000 t Müll pro Jahr geplant und soll 100 Mill. € kosten.                          

Auf eine Jahrestonne Müll bezogen kostet die Anlage in Zella-Mehlis 750 € und die in Heringen 370 €. Ich weiß, dass dieser Vergleich hinkt, aber was glauben Sie, welche Anlage einen höheren technischen Stand hat?!

In Zella-Mehlis baut ein Abfallzweckverband. Dieser wird die Kosten in irgendeiner Form auf die Abfallgebührenzahler umlegen.

In Heringen baut ein Konzern, der hat diese Möglichkeit nicht. Im Gegenteil, er muß günstige Entsorgungskosten anbieten um genügend Müll zu bekommen.

Wie sagten die Herren von Kali + Salz auf der Info-Veranstaltung im Bürgerhaus Obersuhl am 09.08.2006?:

„Wir sind unseren Aktionären gegenüber verpflichtet Gewinne zu erwirtschaften. Die Anlage muß hocheffektiv arbeiten."

Mit einer besseren Technik rechnet es sich nicht mehr. Und unter dem Gesichtspunkt zukünftiger riesiger Überkapazitäten an Müllverbrennungsanlagen werden nur Billiganlagen Dumpingpreise anbieten können um genügend Müll als Treibstoff für Profite zu bekommen.

Der Bürgermeister von Obersuhl sprach in seinen einleitenden Worten zu diesem Info-Abend: Wir produzieren alle Müll und sollten bedenken, dass dieser ja irgendwie entsorgt werden muß. Wie sich in den späteren Redebeiträgen dann heraus stellte, fallen im Kreis Hersfeld-Rotenburg nur 20.000 t pro Jahr an. Die Differenz zu den benötigten 270.000 t muß bundesweit herangekarrt werden. Ob denn diese Transporte in der Schadstoff-Bilanz berücksichtigt sind? Ich glaube eher nicht!

Wenn es dann immer noch nicht genug ist, holt man den Müll aus dem Ausland wie für die MVA in Hannover wo er zum Teil aus Neapel kommt.

Und wer dann noch behauptet er wisse genau was verbrannt wird, ob der die Wahrheit sagt?

Und wenn man z.B. keine Krankenhausabfälle verbrennen will, warum beantragt man es dann?

Eine genaue Kenntnis der Zusammensetzung macht aber erst eine genaue Analyse der Emissionswerte möglich. Spätestens an dieser Stelle sieht man wieder, dass uns Annahmen als Tatsachen verkauft werden sollen. Wenn ich nicht weiß was hineingeht, wie will ich dann wissen was heraus kommt?

Übrigens wird die gleiche Anlage in Hannover inzwischen als „Pannenofen" bezeichnet und ein Gericht wird in den nächsten Tagen über den weiteren Betrieb oder die Stilllegung der MVA entscheiden.

Alle bisher gebauten Anlagen waren „genehmigungsfähig" und entsprachen „dem Stand der Technik". Und trotzdem haben die Staatlichen Umweltämter von Italien, Frankreich, Großbritannien, sowie Studien aus den USA eins gemeinsam festgestellt: Im Umfeld von Müllverbrennungsanlagen kommt es zu einer 2 bis 6-fach höheren Sterblichkeit bei Kindern und Erwachsenen auf Grund der verschiedensten Krebserkrankungen und anderer Krankheiten. Erkennen kann man dies erst wenn es zu spät ist, mit Hilfe der Statistik. Den Zusammenhang bei einem einzelnen Erkrankten zu beweisen ist schier unmöglich.

Das Ergebnis der Studien wurde in den Genehmigungsverfahren für diese Anlagen mit Sicherheit nicht prognostiziert, dort ist meistens alles ganz harmlos und ungefährlich, wie in dem Fall Heringen auch.

Liegt es an falschen Annahmen in der Planung oder sind die Müllzusammensetzung und damit die Emissionen ganz anders als geplant oder nimmt man während des Betriebs Filterstrecken aus der Rauchgasreinigung um effektiver zu werden oder liegt es an den vielen Störfällen die immer wieder eintreten oder liegt es an geschönten Gutachten oder verschweigt man bekannte Risiken oder ist ein bisschen von allem Schuld?

Kali + Salz ist der größte Arbeitgeber in der Region, aber leitet sich daraus automatisch  das Recht ab alles genehmigt zu bekommen, was ein noch profitableres Wirtschaften ermöglicht?

Wo bleibt die Verantwortung gegenüber der Umwelt und gegenüber den eigenen Arbeitnehmern und gegenüber den Menschen die nicht ihr Brot bei Kali verdienen?

Wie kommt es, dass die Werra unterhalb des Pegels Gerstungen zeitweise einen höheren Salzgehalt hat als am Pegel? Kann es sein, dass Kalilauge die in der Gerstunger Steinau versenkt wurde, unkontrolliert in die Werra gelangt? Wann kommt sie bei unseren Trinkwasserbrunnen an?

Die Genehmigungen der Bergämter zur Versenkung von Millionen von Kubikmetern Kalilauge in den Untergrund und die Genehmigung zur Laugeneinleitung in die Werra stellen über viele Jahre eine indirekte Subvention in Millardenhöhe dar. Welch anderer Konzern wird seine Abfälle so kostengünstig los? Wenn es alle dürften, bräuchten wir auch keine Kläranlagen mehr. Warum darf es Kali + Salz?

Ein weiterer Schlag gegen die Natur ist der geplante Bau einer Pipeline vom Kaliwerk Neuhof-Ellers bei Fulda nach Philippsthal und die Einleitung von ca. 1.000.000 cbm Haldenabwässern pro Jahr in die Werra.

Hätte K+S die Müllverbrennungsanlage am Kaliwerk Neuhof-Ellers geplant, könnte man damit locker die dortigen Haldenabwässer eindampfen, den Rückstand nach untertage verbringen und immer noch Strom verkaufen. Die geplante 63 km lange Pipeline zur Einleitung der 1.000.000 cbm Haldenabwässer pro Jahr in die Werra wäre nicht mehr nötig. Nur soviel Geld verdienen würde man nicht dabei. Aber eigentlich wollen wir die Müllverbrennungsanlage auch dort nicht.

„FinanzNachrichten.de vom 10.08.2006, 14:47:00

Kassel - Der Düngemittelhersteller K+S AG verbuchte im ersten Halbjahr trotz der anhaltend hohen Energie- und Rohstoffkosten einen Ergebnisanstieg. .......

Das Konzernergebnis nach Steuern kletterte von 104,8 Mill.€ auf 147,9Mill.€ im Vorjahresvergleich."

Ein vom Regierungspräsidium in Kassel beauftragtes Gutachten wird zur Rechtfertigung der MVA herangezogen. Ich halte diese Gutachten schlichtweg für unseriös und einige Schlussfolgerungen betrachte ich als abenteuerlich und unverantwortlich.

Da auch die Untersuchung der Vorbelastungen im Umfeld solcher Anlagen vom Gesetzgeber gefordert ist, hat man für die geplante MVA in Heringen einen Kunstgriff angewandt. Luft- und Partikelproben wurden aus Fulda, Bebra und Witzenhausen untersucht und damit die Vorbelastungen der Umwelt aus 100 Jahren Bergbau umgangen. Man stelle sich z.B. die Explosion von 40 bis 50t Sprengstoff vor. Diese Menge wird jeden Tag im Kalirevier gezündet und die Explosionsgase gelangen zusammen mit den ungefilterten Dieselabgasen der Motoren über die Grubenlüfter in die Atmosphäre der betroffenen Region.

Begründet wurde diese Verfahrensweise mit dem Nichtvorhandensein geeigneter Messstellen in Heringen.

Der Sachverständige, Herr Prof. Wichmann aus München hat in diesem Gutachten u.a. festgestellt, das im Kreis Hersfeld-Rotenburg eine höhere Todesrate an Krebs erkrankter Männer vorhanden ist.

Seine Begründungen für die Todesfälle bei Atemwegserkrankungen und Lungenkrebs möchte ich wörtlich zitieren:

„Beim Mann liegen für beide Krankheiten die Sterbeziffern in Frankfurt sehr nahe bei hessischen Mittel, während der Kreis Hersfeld-Rotenburg deutlich höher liegt."

.........

„Der Lungenkrebs wird überwiegend durch Rauchen verursacht, deshalb liefert die Sterbeziffer für Lungenkrebs einen guten Anhaltspunkt für den Anteil der Raucher in der Bevölkerung.

Durch Vergleich zwischen dem Kreis Hersfeld-Rotenburg und Frankfurt ergibt sich, dass offenbar im Kreis Hersfeld-Rotenburg der Anteil der Raucher bei den Männern hoch ist, höher als in der Großstadt Frankfurt."

.........

„Können die hohen Sterbeziffern für bösartige und nicht-bösartige Atemwegserkrankungen beim Mann im Kreis Hersfeld-Rotenburg auf Umweltbelastungen zurückzuführen sein? Dies ist sehr unwahrscheinlich, denn zum einen sind die Vorbelastungen durch Luftschadstoffe eher niedriger als im Durchschnitt von Hessen. Zum anderen müsste man dann auch bei den Frauen eine vergleichbare Erhöhung der Sterbeziffern dieser Krankheiten sehen, doch das Gegenteil ist der Fall.

Eine theoretische Erklärungsmöglichkeit für die hohen Sterbeziffern an Atemwegserkrankungen im Kreis Hersfeld-Rotenburg könnte auch darin liegen, dass ein Anteil von Männern mit Atemwegsproblemen den ländlichen Kreis Hersfeld-Rotenburg als Altersruhesitz gewählt haben."

Eine tolle Erklärung Herr Professor, aber vielleicht sollte man auch nach anderen möglichen Ursachen suchen, denn Frauen arbeiten nicht untertage. Eine eventuelle Begründung durch die Bergbautätigkeit mit den 160.000 cbm Abluft pro Minute, gesättigt mit Salzstäuben, Dieselabgasen und Sprengstoffschwaden, würde nicht in das Schema passen, dass keine Vorbelastungen in der Region vorhanden sind.

Wenn pro Tag 1000 t Müll verbrannt werden sollen und 300 t an Schlacke und Filterstäube zurückbleiben, wie aus den Antragsunterlagen hervorgeht, dann müssten nach Adam Ries 700 t den Weg über die beiden 70m hohen Schornsteine finden. Das sind 29 t an Gasen und Stäuben pro Stunde.

Aus der Emissionsberechnung des Gutachtens dagegen geht hervor, dass pro Stunde nur 33 kg Schadstoffe die Kamine verlassen. Diese werden transportiert von ca. 140.000 cbm „warmer Luft" pro Stunde. Danach hätten sich die restlichen 28,967 t Müll in CO2 und Wasserdampf verwandelt müssen. Ob da nicht ein Rechenfehler vorliegt?! Oder sind da noch die 80% Schadstoffe die nicht bekannt sind?

Wieder einmal kommen wir Thüringer uns wie Deutsche zweiter Klasse vor, nein wie Deutsche dritter Klasse, Deutsche zweiter Klasse sind diesmal die Bürger der Stadt Heringen, denn viele von ihnen dürfen nicht murren da sie ihr Geld bei K+S verdienen und bei Protesten Angst um ihren Arbeitsplatz haben müssen.

Die Genehmigungsbehörde in Kassel hat sechsundzwanzig Behörden, Institutionen und Vereine aus den Alten Bundesländern am Verfahren beteiligt. Nach Thüringen sind nur vier Schreiben gegangen obwohl über 75% der Winde die Abgase nach Thüringen blasen.

Welche negativen Auswirkungen diese Anlage auf die Gesundheit der Menschen haben wird,  kann man heute noch gar nicht abschätzen. Selbst das Gefälligkeitsgutachten des Prof. Wichmann spricht von einer um durchschnittlich 0,9 Jahre geringeren Lebenserwartung in der Region. Warum sollen wir das auf uns nehmen?

Den Wertverlust der vorhandenen Immobilien sollte man auf keinen Fall unterschätzen. Er kann je nach Lage der Grundstücke und Häuser bis zu 40% betragen und ist mit einer schleichenden Enteignung gleichzusetzen.

Die Auswirkungen auf die nachbarschaftlichen Beziehungen sollte man ebenfalls nicht unterbewerten. Welche Mutter kann dann mit ihren Kindern ruhigen Gewissens nach Heringen zum Einkaufen fahren und anschließend unter freiem Himmel noch ein Eis essen oder das dortige Schwimmbad besuchen?

Welchen Wert haben die Bebauungspläne für Wohngebiete der Nachbargemeinden Wildeck, Dankmarshausen, Großensee, Dippach, Gerstungen und der Stadt Berka nach Realisierung der MVA? Wer wird dort ein Grundstück kaufen um in Sichtweite einer Müllverbrennungsanlage zu leben?

Gibt es da nicht unter guten Nachbarn ein interkommunales Abstimmungsgebot bevor man den Bau einer solchen Anlage plant?

Warum verstecken sich Thüringer Behörden und viele Mandatsträger in Kreis- und Landtag hinter ihrer Nichtzuständigkeit?

Bei einer Erkrankung irgendeiner Art bleiben da nicht immer Zweifel, ob sie zu vermeiden gewesen wäre? Mit allen Schuldzuweisungen die daraus resultieren?

Unser jetziger Bundespräsident, Horst Köhler, war auch einmal Mitglied einer erfolgreichen Bürgerinitiative gegen eine Müllverbrennungsanlage, warum hat er dies getan?

„Für uns ist das die beste Technik", diese Aussage trifft auf die Betreiber und Nutznießer der MVA zu, nicht aber auf die Natur und die Menschen der Region.

Dipl.-Ing. Ulf Frank, Gerstungen, Mitglied der in Gründung befindlichen Bürgerinitiative für ein lebenswertes Werratal